Warum sich öffentliche Institutionen mit der Blockchain auseinandersetzen sollten


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Die Blockchain-Technologie hat ihren Ursprung im Finanzsektor und wurde durch die Kryptowährung Bitcoin bekannt. Nun äußern immer mehr Staaten und politische Institutionen Interesse an der Technologie, die hinter den digitalen Währungen steckt. Was sind deren Motive? Wo liegen die Chancen? Und welche Hürden sind zu nehmen?

Führend bei der Implementierung der Blockchain im öffentlichen Sektor ist die Nation Estland. Die IT-Infrastruktur der estnischen Behörden basiert auf dem Prinzip der Dezentralität, also dem gleichen Infrastruktur-Hauptmerkmal wie dem der Blockchain.

Dies gelingt, da die Netzwerk-Infrastruktur von e-Estonia auf Interkonnektivität (d. h. Zusammenschaltung mehrerer unabhängiger Netzwerke) der einzelnen Teilnehmer und Netzwerk-Elemente basiert. Diese Form der Interoperabilität wird unter anderem durch eine offene Plattform von e-Estonia ermöglicht, die es jedem mit entsprechender Berechtigung ermöglicht die öffentliche IT-Infrastruktur zu nutzen – die sogenannte X-Road. Diese ist wiederum an die Keyless Signature Infrastructure Blockchain von dem Unternehmen Guardtime gekoppelt. Anstatt Geld-Transaktionen wie bei der Bitcoin-Blockchain werden hier “Behördentransaktionen” abgewickelt und abgespeichert. Wird beispielsweise eine Adressänderung vorgenommen, eine Zeugnisnote eingetragen oder ein Unternehmen gegründet, dann werden diese Transaktionen auf der KSI-Blockchain verzeichnet. Sogar die Gesundheitsdaten der estnischen Bevölkerung laufen inzwischen über die KSI-Blockchain.

Durch die einmalige Speicherung wird das Risiko von Falschinformationen oder Dubletten deutlich reduziert. Eine nachträgliche Manipulation ist nicht möglich, jede jemals getätigte Eintragung kann von jedem mit entsprechender Autorisierung nachvollzogen werden. Neben einem geringeren administrativen Aufwand kann dadurch Missbrauch effektiv unterbunden werden. Darüber hinaus spielt aber auch das Thema Cyber-Sicherheit eine große Rolle. Durch die dezentrale Verteilung wird ein Hackerangriff erschwert, da es im Regelfall nicht mehr ausreicht, einen zentralen Angriffspunkt zu identifizieren und mit einem Trojaner oder Virus zu infizieren.

Wer mehr über das E-Government-Programm von Estland erfahren möchte, der kann sich unsere Reportage Bitcoin und Blockchain in Europe anschauen, in der wir mit den Verantwortlichen gesprochen haben.


Auch in vielen anderen Ländern führen politische Institutionen Blockchain-Projekte durch – z. B. Schweden mit einem Blockchain-Katasteramt oder USA (Delaware) mit einem Unternehmenssteuerverzeichnis auf Basis der Blockchain.

Doch inwiefern können die Blockchain-Anwendungen der öffentlichen Institutionen mit dem Konzept der bekannten Bitcoin-Blockchain verglichen werden?

Die Antwort ist: nur mit starken Einschränkungen.

Blockchain ist nicht gleich Blockchain

Würde eine öffentliche Institution eine Blockchain nach dem Vorbild der Bitcoin-Blockchain implementieren, dann würde dies bedeuten, dass sie jegliche Kontrolle verliert. Schließlich handelt es sich dabei um eine öffentliche Blockchain, deren Code Open-Source ist und ohne Genehmigung und Authentifizierung von jedem genutzt werden kann. Die Folge wäre eine totale Offenlegung aller Daten und die Aufgabe bisheriger Steuerungs- und Kontrollmöglichkeiten.

Entsprechend nachvollziehbar ist es, dass sich die Blockchain-Anwendungen öffentlicher Institutionen deutlich von der Ausgestaltung der Bitcoin-Blockchain unterscheiden.

In Ländern mit funktionierenden Institutionen kann die Blockchain-Technologie diese verbessern und deren Effizienz steigern. Ein vollständiges Ersetzen von Institutionen ist hingegen nur bedingt sinnvoll und mit einigen Problemen behaftet. Dennoch stellt sich je nach Ausmaß der Blockchain-Implementierung die Frage, wie viel Staat bzw. Institution gewollt ist. Schließlich ist ein Grundprinzip der Blockchain die Abschaffung von Vertrauensinstanzen, da deren Funktion durch die Blockchain-Netzwerk-Infrastruktur zumindest theoretisch ersetzt werden kann.

Dazu ist es wichtig folgende Dimensionen einer Blockchain zu unterscheiden: Public (öffentlich) / Private (privat) und Permissionless (genehmigungsfrei) / Permissioned (genehmigungspflichtig). Je nach gewählter Kombination wird auch der Konsensmechanismus, das System zur Entscheidungsfindung, beeinflusst. Innerhalb einer privaten Blockchain, bei der alle Teilnehmer verifiziert und untereinander bekannt sind (z. B. innerhalb eines Unternehmens oder Behörde), bestehen nicht die gleichen Anforderungen an einen Konsensmechanismus wie in einem öffentlichen, für jeden zugänglichen System, bei dem die Teilnehmer anonym oder pseudo-anonym sind.

Ein aufwändiger, kosten- und stromintensiver Proof-of-Work-Ansatz ist daher bei einem privaten und genehmigungspflichtigen Blockchain-System nicht zwangsläufig notwendig. Alle Nodes (Knotenpunkte im Netzwerk) und Miner (sorgen für die Transaktionsabwicklung), die am Konsensprozess beteiligt sind, sind bekannt und bedürfen keiner gesonderten Verifizierung.

Aus diesem Grund tendieren vor allem Unternehmen und insbesondere Banken zu privaten und genehmigungspflichtigen Blockchains, um interne Wettbewerbsinformationen zu schützen, Datenschutz zu gewährleisten sowie die Kontrolle zu behalten. Ähnlich verhält sich das in vielen Fällen auch bei den öffentlichen Institutionen.

Grundsätzlich muss sich jede Institution die Frage stellen, ob eine Umstellung auf Blockchain wirklich sinnvoll ist oder ob nicht eine klassische Datenbank eine höhere Funktionalität gewährleisten kann. Sollte die Entscheidung auf eine Blockchain fallen, dann muss geklärt werden, inwiefern diese öffentlich einsehbar und vor allem programmierbar / steuerbar sein soll. Insbesondere um Datenschutz und Datenkontrolle zu gewährleisten, sind genehmigungspflichtige Blockchains in der öffentlichen Verwaltung kaum zu umgehen.

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